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Würzburger Universitätskarzer*

Allgemein
BezeichnungWürzburger Universitätskarzer*
Besonderer Status*Aufgelöst
UniversitätJulius-Maximilians-Universität Würzburg
UniversitätsortWürzburg
Museums- und SammlungsartKulturgeschichte & Kunst
Museums- und SammlungsformKarzer
SammlungsschwerpunktKulturgeschichte · Universitätsgeschichte
Externe Links
Beschreibung"Alte studentische Kraftnaturen kannten kein grösseres Glück und keine grössere Ehre, als einige Zeit an dieser Stätte geweilt und dadurch das akademische Vollbürgerrecht erworben zu haben. Während die Gelehrten Professoren der Rechtswissenschaft sich im gegenüberliegenden Flügel des Universitätsgebäudes jahrhundertelang stritten, ob die Karzerstrafe einen medizinalen oder pönalen Charakter an sich trage, lieferten diese Höhenmenschen per praxim den stringenten Beweis, dass sie weder einen medizinalen noch pönalen, sondern einen recht feudalen Charakter habe." So beschreibt Joseph Ahlhaus 1932 in seinem Beitrag zum 350jährigen Jubiläum der Universität Würzburg den Studentenkarzer lakonisch. Ganz so prätentiös war es in der Anfangszeit bei weitem nicht.

Karzerstrafen galten zwar nicht als schimpflich, und wurden deshalb auch von den meisten Eltern der Studenten gebilligt, konnten aber auch ernsthafte Folgen haben. Für schwere Vergehen war aber stets die ordentliche Gerichtsbarkeit zuständig. Worüber Rektoren bzw. Fakultätsdekane zu urteilen hatten, darüber soll folgende Auflistung Auskunft geben. Damit wird auch die Abgrenzung zu den "schweren" Vergehen klar:

- So sollten unsittliche, magische oder verbotene Bücher gemieden werden.
- Das Abfassen und Verbreiten von Schmäh- oder Spottschriften sowie die Aufführung von Theaterstücken durfte nur nach Erlaubnis durch den Rektor erfolgen.
- Eine Karzerstrafe drohte ebenfalls den Urhebern von Verschwörungen. Diese wurden danach meist von der Universität verwiesen.
- Unmässiges Essen und Trinken, der Besuch zweifelhafter Gaststätten, die Beteiligung am Glücksspiel sowie Streitigkeiten wurden genauso mit der Karzerstrafe geahndet wie zu lautes Singen und Schreien, das Zusammenrotten auf der Straße, das nächtliche Abschießen von Knallkörpern innerhalb der Stadtbegrenzung, dem bewaffneten Erscheinen zu Vorlesungen oder wer länger als drei Tage dem akademischen Unterricht unentschuldigt fernblieb.
- Aber auch das Tragen auffälliger Kleidung, das sommerliche Baden im Fluss oder das winterliche Schlittschuhlaufen waren ein Tabu für die Studenten.

Im 19. Jahrhundert prangte über dem Eingang zum "Carcer" der Preisgesang der alten Burschenherrlichkeit: "Es lebe die akademische Freiheit" und an einer anderen Tür "Willkommen Herr Kollege", so Ahlhaus.

Für das 19. Jahrhundert wird der Karzer als "gemütlich" beschrieben. Die Wände sowie das Mobiliar waren im Braun des studentischen "Verbrecherbazillus" gehalten. Das Zimmer bot Platz für zwei Delinquenten. So gab es zwei Schlafstellen mit Rosshaarmatratzen, die nachweislich 1839 das letzte Mal ausgewechselt worden waren. Weiter gab es zwei Kopfpolster, zwei große wollene Bettdecken sowie zwei alte Tische und vier Stühle, einen Wasserkrug, ein Waschbecken, zwei Trinkgläser, ein Handtuch und ein Feuerzeug. Gegen die winterliche Kälte gab es einen kleinen Ofen. Grüne Vorhänge an den Fenstern sollten Hoffnung verbreiten und die Lieblingsbeschäftigung der Einsitzenden war es, die Graffiti ihrer Vorgänger zu studieren und natürlich eigene hinzuzufügen.

Ahlhaus 1932 
Stand der InformationenApril 2012
  
Bestände
Objektgruppen
  
Geschichte
GeschichteDie Geschichte des Würzburger Universitätskarzers, oder etwas expliziter: der Karzerstrafe, begann bereits mit der Gründung der Universität 1586. Der Fürstbischoff Julius verlieh der Universität das Privileg der eigenen Gerichtsbarkeit. Obwohl eine fürstbischöfliche Gründung, die in der Anfangszeit auch starken Einfluss seitens der Jesuiten erfuhr, die gegen das Verhängen von Strafen an "ihren" Schulen waren, war die Karzerstrafe in den Statuten der ersten Stunde verankert.

Bereits in der Frühzeit der Universität sind Karzerstrafen belegt. Allerdings bleibt bis heute noch zu klären, welche Räumlichkeiten dafür genutzt wurden, denn erst seit dem 18. Jahrhundert sind feste Räume nachgewiesen.

Konflikte mit der Bürgerschaft sind schon sehr früh belegt. Hausfriedensbruch und Beleidigungen schienen an der Tagesordnung. Der Dreißigjährige Krieg brachte eine kurzzeitige Unterbrechung in den akademischen Ablauf. Im Jahre 1636 lief der Betrieb in der Universität aber wieder an und bereits 1646 wird über ein Ereignis berichtet, welches als "große Schlägerei von der Plattnergasse" in die Annalen der Universität einging. Die Konsequenz waren natürlich Karzerstrafen. Trotz Verbote und Mahnungen frönten die Studenten dem nächtlichen "Herumtreiben", so dass ab 1668 Einschränkungen beim Tragen der Waffen erfolgte.

Der große "Durchbruch" bei der Disziplinierung des studentischen Fehlverhaltens gelang aber erst im 18. Jahrhundert. Im Jahre 1734 wurde einen neue Studienordnung eingeführt und 1774 taucht auch erstmals der Plan zum Einrichten eines Universitätsgefängnisses als "feste" Instanz auf. Für 1805 sind drei Kerker im Universitätsgebäude nachgewiesen.

Der Karzer blieb aber immer ein Sorgenkind der Universitätsleitung. Bisher ebenerdig und mit viel Freiheiten bedacht wurde die Einrichtung 1820 in den obersten Stock des Bibliotheksbaus verlegt, wo kein "hinaus schauen" und "kommunizieren" mehr möglich war. Trotzdem wurde der Karzer noch einmal verlegt, da die obere Etage dem verantwortlichen Wächter besonders im Winter Probleme bereitete, denn irgendwie musste das Brennmaterial nach oben geschafft werden. Dazu fühlte sich der Mann aber aufgrund seines Alters nicht mehr in der Lage.

Als dann 1896 ein neues Kollegienhaus bezogen wurde, glaubte man, den Karzer immer noch gebrauchen zu müssen. Nur hatten sich mittlerweile die "rauhen Sitten" unter den Studenten in Tugenden verwandelt, die kaum noch Anlass zu Karzerstrafen gaben. Zudem wurde die universitäre Gerichtsbarkeit seitens des Staates immer weiter eingeschränkt. So wurde der letzte Würzburger Universitätskerker um die Jahrhundertwende zum Vorstandszimmer des klassisch-philologischen Seminars, was einer gewissen Ironie Zündstoff liefert. So schreibt Ahlhaus abschließend: "Wo ursprünglich nur 'Schwerverbrecher' in erzwungener Weltabgeschiedenheit in Reue und Leid über ihre Straftaten nachdenken sollten, thronen heute in stiller Größe die Vertreter der Idee edler Menschlichkeit"

Ahlhaus, 1932 
  
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